Freitag, 9. Juli 2010
krakies, 09:59h
Editorische Notiz:
Mein Vater, Klaus Krakies, ist am Samstag, dem 22. Mai 2010, am Vorabend seines 80. Geburtstages gestorben. Wir hatten den Tag miteinander verbracht und auch über den Tod und das Sterben gesprochen. Als es dann abends soweit war, kam es doch überraschend.
Tagsüber hatte er mir sein Schreibheft gezeigt, in das er seit etwa einem Jahr seine „Erinnerungen“ handschriftlich eingetragen hatte. Viele Geschichten daraus kannte ich schon. Mein Vater hatte oft davon erzählt. Im April 2010 hatte er mir das Schreibheft schon einmal gegeben, und ich hatte ihm daraus vorgelesen. Wie beseelt hatte er zugehört. Ich denke, es war ihm eine sehr große Freude, dass ihm jemand seine eigene/n Geschichte/n vorgelesen hat.
Als er das Schreibheft am Tag seines Todes wieder zur Hand nahm, sagte er zu mir, er habe die Texte nunmehr abgeschlossen. Ich solle das Heft mitnehmen und „im Computer“ veröffentlichen. Ich habe ihm das nicht versprochen, aber jetzt stelle ich die „Erinnerungen“ und Weiteres ins Netz, und denke, dies wäre ihm wohl wieder eine sehr große Freude.
Die Texte mag ich nicht interpretieren, sehe sie doch als eine Art „Dichtung und Wahrheit“ an. Jedenfalls sind es seine ganz persönlichen Gedanken aus der Tiefe des eigenen Erlebten und Empfundenen. Vieles von dem, was er aufgeschrieben hat, kann man wohl nur verstehen, wenn man die Ereignisse und Personen, um die es geht, bereits kennt.
Die Texte machen auf mich den Eindruck von persönlicher Erinnerung, Erzählungen vom „Hörensagen“, Geschichtsschreibung, Märchen, Sage und Legende. Manches ist wie im Film.
Das letzte Kapitel „Der Tod“ handelt von einem Ereignis drei Tage vor seinem Tod. Er hat mir noch am letzten Tag davon erzählt. Wir haben gemeinsam über das auch Komische in dieser Geschichte gelacht. Für Sonntag, den 23. Mai 2010, hatte sich tatsächlich ein Vertreter des Magistrats angekündigt, der meinen Eltern zur Goldenen Hochzeit und meinem Vater zum 80. gratulieren wollte. Er traf aber niemanden mehr an, weil Vater inzwischen gestorben war.
Jens Krakies
Erinnerungen
Klaus-Günter Krakies
Am 23.5.1930 bin ich gegen 19 Uhr in Alleinstein zur Welt gekommen. Meine Eltern waren Siegfried und Elly Krakies. Meine Mutter war eine geborene Albrecht. Diese kamen aus Schleswig-Holstein. Ein Hugenotte in Danzig war Apotheker und es waren auch Salzburger (Ein Fleischer in Allenstein). Bei Krakies war es einfacher. Der Stammvater war Jan Kracke. Aus diesem Namen wurde Krag (Kraghof und Kraginnen) und Krakys – weil der Orden jemand von uns zur litauischen Grenze schickte. Da kam die Endung -kys, die dann durch einen Standesbeamten zu -kies wurde. Wir sind also nur mit Leuten verwandt, die Krakys heißen.
Mein Vater wurde Inspektor bei der Bezirksregierung Alleinstein mit einem Gehalt von 300 Mark. Meine Mutter hatte auch ein Einkommen von 300 Mark. Das war die anteilige Mieteinnahme. Es waren 4 Geschwister. Es waren 4 Geschäfte und zahlreiche Wohnungen. Großvater Franz Albrecht war Bauunternehmer, Maurermeister und Zimmerermeister. Eigentlich wollte er ja Pfarrer werden. Seinen jüngsten Bruder hatten wir auch noch kennen gelernt. Der war ein hoher Schiffsoffizier auf der Gneisenau gewesen. Mutters übrige Verwandtschaft waren alles reiche Leute. Die Naujackvilla steht noch in Allenstein. Sie wird noch benutzt als öffentliches Gebäude.
Opa hat sich, wie ich Kind war, sehr um mich gekümmert. Er zeigte mir, wie man sich in einem dichten masurischen Wald zurecht findet. Von größeren Jungen lernten wir, wie man einen Sumpf überquert, ohne sich die Schuhe nass zu machen. Das konnte Opa wegen seines Alters nicht. Wie geht das? Bäume haben auf der Westseite Moosbewuchs. Daran kann man die Himmelsrichtungen erkennen. Im Sumpf sieht man Grasbüschel. Diese wachsen nur auf festem Untergrund und man kann von einem zum anderen Grasbüschel springen.
Opa erklärte mir auch die Milchstraße, die nachts großartig über Allenstein zu sehen war. Als ich ihn nach seiner jüngsten Tochter Lieselotte fragte, die aus dem Küchenfenster gefallen war, und wer da nicht aufgepasst hatte, sagte er nichts. Aber als er mich eines Tages nach Hause brachte, hängte er mich kopfüber aus dem linken Fenster unseres Speisezimmers und hielt mich nur an den Füßen fest und zog mich dann wieder hoch. Er sagte nichts, aber ich wusste Bescheid. Meine Mutter hatte sich nämlich immer geärgert, ihre kleine Schwester ausfahren zu müssen.
Nun zur Soldauer Straße zurück. Im Nachbarhaus spielte ich mit einem Mädchen mit ihrem Kaufmannsladen. Als ich ging, sagte sie, ich solle unten auf sie warten. Sie kam und hatte den Brautschleier ihrer Mutter auf dem Kopf und steckte mir das Myrthensträußchen ihres Vaters an. Dann küssten wir uns, hakten uns unter und schritten gemeinsam durchs Leben. Der Lebensweg war aber nur 2 Hausbreiten lang. Wir haben uns nie wieder gesehen. Ob evtl. doch – darauf komme ich später. Sie hieß Doris Mittelstädt.
Da war dann noch eine Familie Ossietzki mit 6 Töchtern. Sie hätten doch so gern einen Sohn gehabt! Die Nazis forderten sie auf, sich in Ostendorf umtaufen zu lassen. Ein Mädchen, es war etwas älter als ich, holte mich in ihren Garten. Sie hatte ein Loch ausgehoben und einen Schuhkarton dabei. Sie legte ein totes Vögelchen, etwa spatzengroß mit bunten Federn hinein und deckte es mit weißem Seidenpapier zu und legte den Karton in das „Grab“.
Ein Schullehrer aus der Grundschule, er hieß Uimowski, musste sich in Ullmer umtaufen lassen.
Meine Eltern sollten ihren litauischen Namen in Dornbusch ändern lassen. Nun wussten wir aber, dass er niederländischen Ursprungs war, und taten es nicht. Mein Vater machte sein Parteiabzeichen ab und tat es in eine Schublade und legte unser Hitlerbild gleich dazu. Neben „Mein Kampf“ kam die Bibel. Ich erinnere mich an einen Ausspruch meiner Mutter, je mehr Klimbim einer an seiner Uniform hat, desto dümmer ist er!
Wir hatten dann wie viele andere auch ein großes Hermann-Göring-Bild im Wohnzimmer. Er galt als harmlos. Aus der NSDAP durfte man nicht austreten, nur aus der SA (Sturmabteilung).
Ein Förstersohn, er war 10 Jahre älter als ich, kümmerte sich plötzlich um mich. Ich merkte erst nicht warum. Er war Jungvolkführer, und weil mein Vater praktisch der Vorgesetzte seines Vaters war, wollte er mich fördern. Ich war mit 10 Jahren Pimpf und gleich rechter Flügelmann. Da „zog ich Leine“ und blieb oft dem Dienst fern. Da konnte er sich auf mich nicht verlassen. Man durfte aber nicht öfter als 2x hintereinander wegbleiben.
Der „Dienst“ im Wald war mir verhasst. Lieber streifte ich allein durch den Wald. Die 2-Mann-Säge klang wie ein Totenlied. Aber ich hörte das Rauschen des Waldes, wie wenn die Bäume zu mir sprechen. Ich litt förmlich mit dem Baum. Das Rauschen der Bäume hörte ich wie eine Stimme und spürte, wie der Baum lebte. Und immer zeigte das Moos am Stamm an, wo Westen war.
Die Kaiserstraße 24 hatte einen herrlich ungepflegten Garten. Der hintere ungepflegte Gartenteil war die Mauer des jüdischen Gotteshauses. Das Grundstück schräg gegenüber war eine große Grasfläche mit einer Stadtvilla einer Arztfamilie, auf die meine Mutter stolz war. Es war das größte und schönste Privathaus, welches Opa gebaut hat.
Opa hat sich das Leben genommen. Ich traf ihn am Waldrand, als er aus Kortau kam. Dorthin hatte ihn sein Sohn, Onkel Rudi, bringen lassen, um ihn nicht versorgen zu müssen. Aber man behielt ihn nicht dort in der Irrenanstalt, weil er völlig gesund war. Was sollte er jetzt machen? Er hatte keine Rente. Wir wurden gerufen. Er hatte noch seine Sachen an. Als er im Sarg lag, streichelte ich ihm das Gesicht und rief zur Familie, die in der Klavierecke stand, seht doch! Er lebt! Margot, die Tochter Onkel Rudis, sagte mir, Vater hätte erzählt, Opa hätte sich erschossen. Ich sagte ihr die Wahrheit. Das hat sie sehr erschüttert. Er hatte sich in seinem Kontor aufgehängt.
Mit Opas Tod ging meine sorglose Kindheit zu Ende. Als ich über sein Gesicht streichelte, war mir, als ob ein Engel neben mir stand. Mit war die Kaiserstraße 24 plötzlich wie leer und fremd. Ich ging in den kleinen Laden links vom Eingang. Es war nur ein Schreibwarengeschäft. Aber eine freundliche ältere Frau nahm mich bei der Hand und wir gingen nach hinten in ein Wohnzimmer und unterhielten uns. Der Mann kam auch kurz mal dazu. Die Frau sagte, er hätte im 1. Weltkrieg als tapferer Soldat das eiserne Kreuz bekommen. Ich sah einen komischen Leuchter für 7 Kerzen. Da wusste ich nicht seine Bedeutung. Als dann 1938 die SA, Onkel Rudi war auch dabei, den Laden mit Brettern vernagelte und die beiden Leutchen weg waren, wusste kein Mensch, wie sie geheißen hatten. Nachträglich war mir, als wenn sie bei meinem Besuch ihre Seelenpein auf mich abgeladen hatten. Ich vertrug mich mit Onkel Rudi nicht mehr und meine Eltern nahmen nach Innsbruck, wo ich dann auch zur Schule ging. Vater war übrigens schon 1 Jahr vorher aus der SA ausgetreten.
Wir wohnten bei Frau Bakalla und wurden von den Mitbewohnern freundlich aufgenommen. Sie schimpften in unserer Gegenwart über die Nazis und Hitler! Mutter hatte ihnen erzählt, dass wir Salzburger Blut in den Adern haben. Vater, der kein Salzburger war, vertrug den Fön nicht, und als wir den Krieg begannen, kehrten wir nach Allenstein zurück. Ich wäre so gern ein Tirolerbub geworden! Als auf Hitler das Attentat in München verübt wurde, er aber davon kam, war in der Küche, wo wir alle immer beisammen saßen, erst Stille – dann sagte einer Schade. Dies nur zum Thema: Heim ins Reich.
Vater ging dann nach Zichenau. Als er dort an einem Haus vorbeikam, wo man aus einem Fenster Möbel auf die Straße warf, schimpfte er. Mutter sagte, es seien wohl Möbel von Juden, und sorgte dafür, dass Vater sofort seine Stellung dort aufgab und sie nach Allenstein zurück gingen.
Onkel Rudi war zwischenzeitlich vom Kassierer zum Direktor der Stadt- und Kreissparkasse aufgestiegen! Der Margot, seiner Tochter, ging es schlecht. Onkel Rudi hatte aus den Sparkonten eine vermögende Frau ausfindig gemacht. Sie hatte nur einen kleinen Fehler: Sie hatte keine Herz. Als die Russen kamen, flüchtete sie nicht, sondern wollte sich als die Frau Albrecht mit dem Familienvermögen bereichern. Vorher hatte Tante Alice Margot zu sich nach Kiel geholt.
Mutter hatte mich 1941 noch auf die letzte Minute nach Bad Cranz an die Ostsee zu einer „Jugendfreizeit“ angemeldet. Da ich der Letzte war, fiel ich auf. Damals war es üblich, dass ich deshalb von dem größten Raudi angepöbelt wurde. Da ich ja schon die Schule hatte wechseln müssen, kannte ich das schon und knallte ihm eine „Linke“ auf die Oberlippe. Er spürte das Blut auf der Zungenspitze und der Kampf war vorbei. Was ich nicht wissen konnte: Sein Vater war bei der Gestapo in Königsberg und er erzählte ihm, ich sei mit Sicherheit ein versteckter Judenlümmel. Mich begleitete ohne mein Wissen eine entsprechende Aktennotiz. Ich folg nach 6 Wochen aus dem Gympel wegen unerwünschtem Erbgut raus. Damit meinte man damals Juden. Ich musste auf eine einfache Schule wechseln und mir machte das keinen Spaß. Ich lernte den Unsinn nicht und hörte mir den Unterricht nur an. Im Winter dann passierte etwas, was sich später als etwas Besonderes herausstellen sollte.
Mein Vater schickte mich im Winter auf einen Tennisplatz auf der „Langen Wiese“ zum Schlittschuhlaufen. Bald nach mir kam ein groß gewachsener Junger Mann, etwa 20 Jahre alt in die Umkleidehütte. Er setzte sich neben mich und hatte schöne weiße Schlittschuhe. Ich sagte – wir hatten uns natürlich vorher gegrüßt – „Wie heißt du denn?“ Er wandte sich mir zu und sagte „Ich heiße Karoll“. Er sprach ein normales Deutsch ohne Dialekt aber mit einem singenden Unterton, der wie Singen klang. Wir machten uns fertig und gingen gemeinsam auf das Eis. Nach einem Weilchen rutschte er aus und von seinem rechten Schuh brach die Kufe ab. Als er mir entgegen humpelte, rief ich Hallo, das ist aber schade! Er winkte mit dem kaputten Schuh und rief, ja das ist wirklich schade. Es war der spätere Papst Johannes Paul II. Als Student lebte er im Untergrund. Sein Professor gab mir „Nachhilfe“ und er arbeitete in einem Steinbruch und niemand kam auf die Idee, dass ein junger Steinbrucharbeiter studierte. So begegnete mir in einem Jahr das Göttliche nach dem Satanischen. Umgekehrt ist mit diesem Papst der Satan in den Vatikan eingezogen (sein späterer Nachfolger).
Mein Vater hatte einen jüngeren Bruder (Heinz) der Zimmermann wurde und in der Weimarer Republik in die SPD eintrat. Das tat mein Vater auch. Sein älterer Bruder (Walter) war der Klügste, der es aber zu nichts brachte und der in die KPD eintrat. Ihn fand meine Mutter gleich nach Kriegsende. Ein Molkereiarbeiter war bekannt als früherer KPD-Mann. Ihn fragte meine Mutter und der ließ sich Walters Namen sagen und sagte, wenn er in der KPD war, finde man ihn und würde im ausrichten, wer ihn suche und wo er uns finde. Und so war es. Nach wenigen Wochen stand Onkel Walter in Lautenthal/Harz vor unserer Wohnung. Ich habe übrigens vieles von ihm „geerbt“. Wie merkwürdig.
Viele junge Leute gingen damals in die NSDAP. Sie zeigte damals noch nicht ihr wahres Gesicht. Nur wunderte sich Vater, dass er nicht befördert wurde, sondern Inspektor blieb. Er kriegte heraus, dass es daran lag, dass er vorher in der SPD war. Da las er das Beamtenrecht und fand Lücken, durch die er „schlüpfte“. Er empfahl mir, Gesetze, die mich betreffen, auch sorgfältig zu lesen, was ich auch mit Erfolg tat. Wie ich klein war, las er mir an seinem Schreibtisch sitzend einen Brief vor: Als Du mich damals hattest, sagtest Du, es sei alles in Ordnung. Aber Scheiße war es. Jetzt ist es soweit. Ich kam bis zu seinem Tod nicht darauf zurück. Vater hatte einige merkwürdige Wertvorstellungen, die er mir vermittelte. Sie sind mit dem Verhalten Adliger vergleichbar, und war mir erst verständlich, als Onkel Heinz von der Geschichte mit dem Pferdekauf des Thronfolgers bei uns erzählte und der Weigerung Großvaters, wieder in den Adel versetzt zu werden und in ein Wasserschloss umzuziehen. Ich habe manches beachtet, aber nie darüber gesprochen.
Vater wurde von Mutter darüber unterrichtet, dass unsere Anna verschwunden sei. Sie war wie jeden Tag zur Straßenbahn gegangen, aber bei uns nicht angekommen. Vater telefonierte mit der Verkehrspolizei und mit allen Krankenhäusern. Kollegen sagten ihm, er solle mal zum Arbeitsamt gehen. Er wusste nicht warum. Er ging hin und fand Anna im Flur mit einem Zettel, auf dem stand, dass sie sich freiwillig zur Arbeit im Reich gemeldet hat. Vater gab den Zettel einem Angestellten und sagte, dass diese Frau bei ihm angestellt sei und Lohn kriegt. Er nahm sie mit. So weit, so gut. Im September 1944, nach dem Attentat auf Hitler, fing die NSDAP an mit einem „Großreinemachen“. Ein polnischer Angestellter kam zu Vater gelaufen und sagte, er solle alles stehen und liegen lassen und mit dem Zug nach Breslau zur dortigen Offiziersschule der Waffen-SS fahren und sich an der Pforte mit seinem Namen melden. Er tat es. Der Offizier, zu dem er geschickt wurde, sagte zu ihm, er sei ja vor eine Woche bei ihm gewesen habe sich freiwillig als Offiziersanwärter gemeldet und drückte ihm den Gestellungsbefehl in die Hand. Die polnische Heimatarmee eine Polin als Schreibkraft bei der Gestapo und arbeitete mit der Waffen-SS zusammen. Am späten Nachmittag des gleichen Tages kamen dann auch 2 Gestapo-Leute, um ihn abzuholen. Das ging nun ja nicht. Himmler hatte der Gestapo verboten, gegen die SS vorzugehen. 2 Tage später kam ein junger Mann, er sprach nur Polnisch, zu uns in die Wohnung und machte Mutter klar, wir sollten uns umziehen und ein paar Taschen packen – keine Koffer – und unten zu einem schwarzen Auto gehen, dessen Türen nicht abgeschlossen seien. Er kam und fuhr los nach Kattowitz auf einem Schleichweg, den auch die polnische Widerstandsbewegung nutzte. In Südpolen gab es viele Leute, die neben Polnisch auch Deutsch sprachen. Ja – in Kattowitz beim Abschied sprach der junge Mann natürlich Deutsch mit uns. Vater war aus der SA ausgetreten – das war erlaubt. Aus der Partei gab es das nicht. Für die Polen war das kein Problem. Sie sahen den Menschen, nicht den PG. Vater wurde also Waffen-SS-Offiziersanwärter und kam zur Frontbewährung nach Ungarn und auf dem Rückzug nach Oberschlesien, dort von einer russischen Granate schwer verwundet, von den Amerikanern zurück zu den Russen nach Sagen in ein russisches Offizierslazarett und 1946 in den Harz. Die Eltern hatten alles gut organisiert und sie wussten immer, wo der andere war oder zu finden war. Vater knüpfte alte Beziehungen an und so kamen wir aus dem Harz nach Hannover, Bonn und Frankfurt.
In Bonn kam ich zur Leipziger Feuer. Am ersten Arbeitstag kam morgens der 2. Direktor zu mir und bot mir seine Hilfe an. An seiner Redeweise erkannte ich, dass ein Bruder der sieben Berge war und dankte ihm für sein Angebot, sagte jedoch, ich wolle mit eigener Kraft weiter kommen. In der Folge hatte ich es schwer, weil ich kein gelernter Versicherungskaufmann war, die Arbeit jedoch fehlerfrei machte. Als Ungelernter erhielt ich nicht Tarifgruppe VI, sondern TG V mit Zulage. Ich habe nie um eine Verbesserung gebeten. Als dann Vorstand und Beck beschlossen, mir Handlungsvollmacht zu geben (!), riss mir die Netzhaut. Es sollte also nicht sein. Damals habe ich erkannt, dass ich mit meinem Leben geführt werde. Da war Ute, deren kurzes Leben mir bei ihrer Geburt gesagt wurde, ich begann zu wissen, wer bald sterben werde. Vor Vaters Tod ging ich zu unserem Beerdigungsinstitut und erkundigte mich, worauf ich beim Tod eines Beamten achten muss. Und als Erich und Lilo uns hier im Samlandweg besucht hatten, und wir vom Weg aus das Auto wegfahren sahen, wir standen auf der Bank, sagte ich zu Gerda, winke Erich zu, Du wirst ihn nicht wiedersehen. Ich dachte, ich halte das bald nicht mehr durch, keinem etwas zu sagen. Es war ein neuer Pfarrer, es war unser Gastgeber in Holland etc. Dann war die unbekannte ältere Frau beim ZDF, deren Tod ich 10 Tage vorher gesagt bekam. Ja, da ist sie wieder, die Unbekannte. Es waren bisher nie Unbekannte?! Das Alter würde passen. Es kann meine Jugendliebe gewesen sein! Nachher betete ich darum, dass mir diese „Gabe“ genommen wird. Sie wurde mir genommen. Allerdings wurde mir als letztes etwas über meinen eigenen Tod gesagt. Etwas Gutes. Die Stimme kam dann nicht mehr. Die Verbindung jedoch scheint geblieben zu sein. Sie ist nur anders. Ich habe es im Institut (...) erlebt. Dort hatte sich ein Masseur sehr zu seinem Nachteil verändert. Er setzte sich mir gegenüber durch und tat mir weh, was er früher nicht getan hatte. Zum Schluss sah ich sein Gesicht und hatte keine Wut mehr auf ihn, nur Mitgefühl. Gerda glaubt es nicht. Aber evtl. bin ich ein Gerechter? Ich will nicht schreiben, was ich in dem Gesicht sah.
Mitte Januar 2010. Es ist Zeit, über mich und mein Herkommen zu schreiben. Meine Mutter sagte, dass sie einen jungen Mann geliebt hatte, der Anwalt werden wollte. Sie hat sich aber überlegt, dass er nur dann Geld hat, wenn er z. B. einen Prozess führt, und da hat sie sich für einen Beamten entschieden. Die Namen: Walter und Siegfried. Ich bin ein Kind der Liebe und habe einiges von Vater Walter. Er war der Klügste und hat es zu fast nichts gebracht – ich auch nicht. Jura brauchte ich nicht studieren, weil ich es ererbt habe. Und ein Lebenskünstler bin ich auch. Nur habe ich es nicht verkraftet! Die Eltern hatten sich damals oft gestritten – aber über ein Thema immer nur jeweils einmal, und sie waren nicht nachtragend! (Ich auch nicht.) Dies vermisse ich heute sehr. Blöde Sau, dumme Kuh, höre ich heute noch. Aber sie fügten sich in ihr Schicksal und gaben Ruhe. Das hat etwas mit Verstand zu tun. Wie die Eltern in Oberbayern waren, ist mein Vater, als er mich vom Bahnhof abholte, mit mir Essen gegangen, ehe wir uns auf den Weg machten. Ich habe es in Erinnerung behalten. Als sie starben, habe ich beiden die Hand auf die Stirn gelegt und sie gesegnet.
ebenso: Mir fiel auf, dass die Stimme im Ohr meine Stimme war. Wie kommt das? Bei Utes Geburt hörte ich, dass sie ein Engel war, der sich auf die Erde verirrt hat und nicht lange hier bleibt. Also denke ich, dass wir alle Engel sind, die, aus welchem Grund auch immer, eine Seele in einem Menschen sind. Wir sollten netter zueinander sein! Man sollte alle Waffen abschaffen!
Anf. Feb. Ich komme auf unsere adlige Herkunft zurück. Es ist nicht wichtig, sich um diese Frage zu kümmern! Wichtig ist, so zu leben! Ich erinnere mich, dass Vater (Siegfried) mir das beigebracht hat, als ich klein war. Man soll über den Dingen stehen, sich in alles hinein finden, nicht nach Geld und Gut gieren, nicht um Dank gieren, sondern helfen, wenn man kann. Er erzählte auch, dass in Ostpreußen der Herr des Hauses z. B. pflügte, wenn der Knecht krank war, und die Frau des Hauses den Küchenherd anheizte, wenn die Magd krank war, und dass dies beim Adel im Reich anders war. Da kümmerte es den Adel nicht, wie die Angestellten sich die Arbeit aufteilten. Meinen Vater hat diese Einstellung fast in den Gestapokeller gebracht!
1.3.10 Erdbeben 8,8 das 5.stärkste Beben. Erde hat sich geneigt um 8 cm stärker. Magmakammer wird aber noch explodieren?!
Mittwoch, 19.5.10
Der Tod.
Mittags legte ich mich im Schlafzimmer ins Bett und wachte auf, als ich Gerda sprechen hörte, aber nichts verstand. Ich erwachte aus einem seltsam tiefen Schlaf. In meinem Hirn war tiefe Stille, ich lag im Bett, als schwebe ich auf dem Laken, ich fühlte kein Laken und keine Zudecke. Auch an meinem Rücken und meinen Hüften war nichts zu spüren. Ich schwebte im Bett.
Jetzt kam das Bewusstsein wieder und ich begriff Zeit und Ort. Gerda hatte mich rechtzeitig beim Sterben zurückgeholt. Danke Gerda!
Ich erinnere daran, wie ich nach Mainz darum bat, nicht immer gesagt zu bekommen, dass jemand sterben wird. Darauf sagte mir mein Bruder Innerlich noch, wie es mir bei meinem Tod gehen werde. Erst werde ich mich freuen, dass Jens etwas erlebt, was ihn freut, dann will mich Jemand ehren, aber er trifft mich nicht mehr lebend an, weil ich inzwischen gestorben sein werde. Hier nun hat Gerda eingreifen müssen! Ich durfte noch nicht sterben, weil sich etwas ereignet hat, was damals (2005) noch nicht abzusehen war.
Ende
Sehet, ich lebe!
Bei meiner Geburt habe ich ein
irdisches Gewand erhalten.
Gott hat mich auf meinem armseligen
Erdenweg begleitet.
Er hat mir Kraft gegeben.
Er gab mir Trost.
Jetzt durfte ich mein Erdengewand
ablegen. Ihr nennt dies Tod!
Ich aber lebe weiter.
Denn meine Seele liegt in Gottes Hand
in Ewigkeit.
Darum trauert nicht, sondern spielt
ein fröhliches Lied!
Mein Vater, Klaus Krakies, ist am Samstag, dem 22. Mai 2010, am Vorabend seines 80. Geburtstages gestorben. Wir hatten den Tag miteinander verbracht und auch über den Tod und das Sterben gesprochen. Als es dann abends soweit war, kam es doch überraschend.
Tagsüber hatte er mir sein Schreibheft gezeigt, in das er seit etwa einem Jahr seine „Erinnerungen“ handschriftlich eingetragen hatte. Viele Geschichten daraus kannte ich schon. Mein Vater hatte oft davon erzählt. Im April 2010 hatte er mir das Schreibheft schon einmal gegeben, und ich hatte ihm daraus vorgelesen. Wie beseelt hatte er zugehört. Ich denke, es war ihm eine sehr große Freude, dass ihm jemand seine eigene/n Geschichte/n vorgelesen hat.
Als er das Schreibheft am Tag seines Todes wieder zur Hand nahm, sagte er zu mir, er habe die Texte nunmehr abgeschlossen. Ich solle das Heft mitnehmen und „im Computer“ veröffentlichen. Ich habe ihm das nicht versprochen, aber jetzt stelle ich die „Erinnerungen“ und Weiteres ins Netz, und denke, dies wäre ihm wohl wieder eine sehr große Freude.
Die Texte mag ich nicht interpretieren, sehe sie doch als eine Art „Dichtung und Wahrheit“ an. Jedenfalls sind es seine ganz persönlichen Gedanken aus der Tiefe des eigenen Erlebten und Empfundenen. Vieles von dem, was er aufgeschrieben hat, kann man wohl nur verstehen, wenn man die Ereignisse und Personen, um die es geht, bereits kennt.
Die Texte machen auf mich den Eindruck von persönlicher Erinnerung, Erzählungen vom „Hörensagen“, Geschichtsschreibung, Märchen, Sage und Legende. Manches ist wie im Film.
Das letzte Kapitel „Der Tod“ handelt von einem Ereignis drei Tage vor seinem Tod. Er hat mir noch am letzten Tag davon erzählt. Wir haben gemeinsam über das auch Komische in dieser Geschichte gelacht. Für Sonntag, den 23. Mai 2010, hatte sich tatsächlich ein Vertreter des Magistrats angekündigt, der meinen Eltern zur Goldenen Hochzeit und meinem Vater zum 80. gratulieren wollte. Er traf aber niemanden mehr an, weil Vater inzwischen gestorben war.
Jens Krakies
Erinnerungen
Klaus-Günter Krakies
Am 23.5.1930 bin ich gegen 19 Uhr in Alleinstein zur Welt gekommen. Meine Eltern waren Siegfried und Elly Krakies. Meine Mutter war eine geborene Albrecht. Diese kamen aus Schleswig-Holstein. Ein Hugenotte in Danzig war Apotheker und es waren auch Salzburger (Ein Fleischer in Allenstein). Bei Krakies war es einfacher. Der Stammvater war Jan Kracke. Aus diesem Namen wurde Krag (Kraghof und Kraginnen) und Krakys – weil der Orden jemand von uns zur litauischen Grenze schickte. Da kam die Endung -kys, die dann durch einen Standesbeamten zu -kies wurde. Wir sind also nur mit Leuten verwandt, die Krakys heißen.
Mein Vater wurde Inspektor bei der Bezirksregierung Alleinstein mit einem Gehalt von 300 Mark. Meine Mutter hatte auch ein Einkommen von 300 Mark. Das war die anteilige Mieteinnahme. Es waren 4 Geschwister. Es waren 4 Geschäfte und zahlreiche Wohnungen. Großvater Franz Albrecht war Bauunternehmer, Maurermeister und Zimmerermeister. Eigentlich wollte er ja Pfarrer werden. Seinen jüngsten Bruder hatten wir auch noch kennen gelernt. Der war ein hoher Schiffsoffizier auf der Gneisenau gewesen. Mutters übrige Verwandtschaft waren alles reiche Leute. Die Naujackvilla steht noch in Allenstein. Sie wird noch benutzt als öffentliches Gebäude.
Opa hat sich, wie ich Kind war, sehr um mich gekümmert. Er zeigte mir, wie man sich in einem dichten masurischen Wald zurecht findet. Von größeren Jungen lernten wir, wie man einen Sumpf überquert, ohne sich die Schuhe nass zu machen. Das konnte Opa wegen seines Alters nicht. Wie geht das? Bäume haben auf der Westseite Moosbewuchs. Daran kann man die Himmelsrichtungen erkennen. Im Sumpf sieht man Grasbüschel. Diese wachsen nur auf festem Untergrund und man kann von einem zum anderen Grasbüschel springen.
Opa erklärte mir auch die Milchstraße, die nachts großartig über Allenstein zu sehen war. Als ich ihn nach seiner jüngsten Tochter Lieselotte fragte, die aus dem Küchenfenster gefallen war, und wer da nicht aufgepasst hatte, sagte er nichts. Aber als er mich eines Tages nach Hause brachte, hängte er mich kopfüber aus dem linken Fenster unseres Speisezimmers und hielt mich nur an den Füßen fest und zog mich dann wieder hoch. Er sagte nichts, aber ich wusste Bescheid. Meine Mutter hatte sich nämlich immer geärgert, ihre kleine Schwester ausfahren zu müssen.
Nun zur Soldauer Straße zurück. Im Nachbarhaus spielte ich mit einem Mädchen mit ihrem Kaufmannsladen. Als ich ging, sagte sie, ich solle unten auf sie warten. Sie kam und hatte den Brautschleier ihrer Mutter auf dem Kopf und steckte mir das Myrthensträußchen ihres Vaters an. Dann küssten wir uns, hakten uns unter und schritten gemeinsam durchs Leben. Der Lebensweg war aber nur 2 Hausbreiten lang. Wir haben uns nie wieder gesehen. Ob evtl. doch – darauf komme ich später. Sie hieß Doris Mittelstädt.
Da war dann noch eine Familie Ossietzki mit 6 Töchtern. Sie hätten doch so gern einen Sohn gehabt! Die Nazis forderten sie auf, sich in Ostendorf umtaufen zu lassen. Ein Mädchen, es war etwas älter als ich, holte mich in ihren Garten. Sie hatte ein Loch ausgehoben und einen Schuhkarton dabei. Sie legte ein totes Vögelchen, etwa spatzengroß mit bunten Federn hinein und deckte es mit weißem Seidenpapier zu und legte den Karton in das „Grab“.
Ein Schullehrer aus der Grundschule, er hieß Uimowski, musste sich in Ullmer umtaufen lassen.
Meine Eltern sollten ihren litauischen Namen in Dornbusch ändern lassen. Nun wussten wir aber, dass er niederländischen Ursprungs war, und taten es nicht. Mein Vater machte sein Parteiabzeichen ab und tat es in eine Schublade und legte unser Hitlerbild gleich dazu. Neben „Mein Kampf“ kam die Bibel. Ich erinnere mich an einen Ausspruch meiner Mutter, je mehr Klimbim einer an seiner Uniform hat, desto dümmer ist er!
Wir hatten dann wie viele andere auch ein großes Hermann-Göring-Bild im Wohnzimmer. Er galt als harmlos. Aus der NSDAP durfte man nicht austreten, nur aus der SA (Sturmabteilung).
Ein Förstersohn, er war 10 Jahre älter als ich, kümmerte sich plötzlich um mich. Ich merkte erst nicht warum. Er war Jungvolkführer, und weil mein Vater praktisch der Vorgesetzte seines Vaters war, wollte er mich fördern. Ich war mit 10 Jahren Pimpf und gleich rechter Flügelmann. Da „zog ich Leine“ und blieb oft dem Dienst fern. Da konnte er sich auf mich nicht verlassen. Man durfte aber nicht öfter als 2x hintereinander wegbleiben.
Der „Dienst“ im Wald war mir verhasst. Lieber streifte ich allein durch den Wald. Die 2-Mann-Säge klang wie ein Totenlied. Aber ich hörte das Rauschen des Waldes, wie wenn die Bäume zu mir sprechen. Ich litt förmlich mit dem Baum. Das Rauschen der Bäume hörte ich wie eine Stimme und spürte, wie der Baum lebte. Und immer zeigte das Moos am Stamm an, wo Westen war.
Die Kaiserstraße 24 hatte einen herrlich ungepflegten Garten. Der hintere ungepflegte Gartenteil war die Mauer des jüdischen Gotteshauses. Das Grundstück schräg gegenüber war eine große Grasfläche mit einer Stadtvilla einer Arztfamilie, auf die meine Mutter stolz war. Es war das größte und schönste Privathaus, welches Opa gebaut hat.
Opa hat sich das Leben genommen. Ich traf ihn am Waldrand, als er aus Kortau kam. Dorthin hatte ihn sein Sohn, Onkel Rudi, bringen lassen, um ihn nicht versorgen zu müssen. Aber man behielt ihn nicht dort in der Irrenanstalt, weil er völlig gesund war. Was sollte er jetzt machen? Er hatte keine Rente. Wir wurden gerufen. Er hatte noch seine Sachen an. Als er im Sarg lag, streichelte ich ihm das Gesicht und rief zur Familie, die in der Klavierecke stand, seht doch! Er lebt! Margot, die Tochter Onkel Rudis, sagte mir, Vater hätte erzählt, Opa hätte sich erschossen. Ich sagte ihr die Wahrheit. Das hat sie sehr erschüttert. Er hatte sich in seinem Kontor aufgehängt.
Mit Opas Tod ging meine sorglose Kindheit zu Ende. Als ich über sein Gesicht streichelte, war mir, als ob ein Engel neben mir stand. Mit war die Kaiserstraße 24 plötzlich wie leer und fremd. Ich ging in den kleinen Laden links vom Eingang. Es war nur ein Schreibwarengeschäft. Aber eine freundliche ältere Frau nahm mich bei der Hand und wir gingen nach hinten in ein Wohnzimmer und unterhielten uns. Der Mann kam auch kurz mal dazu. Die Frau sagte, er hätte im 1. Weltkrieg als tapferer Soldat das eiserne Kreuz bekommen. Ich sah einen komischen Leuchter für 7 Kerzen. Da wusste ich nicht seine Bedeutung. Als dann 1938 die SA, Onkel Rudi war auch dabei, den Laden mit Brettern vernagelte und die beiden Leutchen weg waren, wusste kein Mensch, wie sie geheißen hatten. Nachträglich war mir, als wenn sie bei meinem Besuch ihre Seelenpein auf mich abgeladen hatten. Ich vertrug mich mit Onkel Rudi nicht mehr und meine Eltern nahmen nach Innsbruck, wo ich dann auch zur Schule ging. Vater war übrigens schon 1 Jahr vorher aus der SA ausgetreten.
Wir wohnten bei Frau Bakalla und wurden von den Mitbewohnern freundlich aufgenommen. Sie schimpften in unserer Gegenwart über die Nazis und Hitler! Mutter hatte ihnen erzählt, dass wir Salzburger Blut in den Adern haben. Vater, der kein Salzburger war, vertrug den Fön nicht, und als wir den Krieg begannen, kehrten wir nach Allenstein zurück. Ich wäre so gern ein Tirolerbub geworden! Als auf Hitler das Attentat in München verübt wurde, er aber davon kam, war in der Küche, wo wir alle immer beisammen saßen, erst Stille – dann sagte einer Schade. Dies nur zum Thema: Heim ins Reich.
Vater ging dann nach Zichenau. Als er dort an einem Haus vorbeikam, wo man aus einem Fenster Möbel auf die Straße warf, schimpfte er. Mutter sagte, es seien wohl Möbel von Juden, und sorgte dafür, dass Vater sofort seine Stellung dort aufgab und sie nach Allenstein zurück gingen.
Onkel Rudi war zwischenzeitlich vom Kassierer zum Direktor der Stadt- und Kreissparkasse aufgestiegen! Der Margot, seiner Tochter, ging es schlecht. Onkel Rudi hatte aus den Sparkonten eine vermögende Frau ausfindig gemacht. Sie hatte nur einen kleinen Fehler: Sie hatte keine Herz. Als die Russen kamen, flüchtete sie nicht, sondern wollte sich als die Frau Albrecht mit dem Familienvermögen bereichern. Vorher hatte Tante Alice Margot zu sich nach Kiel geholt.
Mutter hatte mich 1941 noch auf die letzte Minute nach Bad Cranz an die Ostsee zu einer „Jugendfreizeit“ angemeldet. Da ich der Letzte war, fiel ich auf. Damals war es üblich, dass ich deshalb von dem größten Raudi angepöbelt wurde. Da ich ja schon die Schule hatte wechseln müssen, kannte ich das schon und knallte ihm eine „Linke“ auf die Oberlippe. Er spürte das Blut auf der Zungenspitze und der Kampf war vorbei. Was ich nicht wissen konnte: Sein Vater war bei der Gestapo in Königsberg und er erzählte ihm, ich sei mit Sicherheit ein versteckter Judenlümmel. Mich begleitete ohne mein Wissen eine entsprechende Aktennotiz. Ich folg nach 6 Wochen aus dem Gympel wegen unerwünschtem Erbgut raus. Damit meinte man damals Juden. Ich musste auf eine einfache Schule wechseln und mir machte das keinen Spaß. Ich lernte den Unsinn nicht und hörte mir den Unterricht nur an. Im Winter dann passierte etwas, was sich später als etwas Besonderes herausstellen sollte.
Mein Vater schickte mich im Winter auf einen Tennisplatz auf der „Langen Wiese“ zum Schlittschuhlaufen. Bald nach mir kam ein groß gewachsener Junger Mann, etwa 20 Jahre alt in die Umkleidehütte. Er setzte sich neben mich und hatte schöne weiße Schlittschuhe. Ich sagte – wir hatten uns natürlich vorher gegrüßt – „Wie heißt du denn?“ Er wandte sich mir zu und sagte „Ich heiße Karoll“. Er sprach ein normales Deutsch ohne Dialekt aber mit einem singenden Unterton, der wie Singen klang. Wir machten uns fertig und gingen gemeinsam auf das Eis. Nach einem Weilchen rutschte er aus und von seinem rechten Schuh brach die Kufe ab. Als er mir entgegen humpelte, rief ich Hallo, das ist aber schade! Er winkte mit dem kaputten Schuh und rief, ja das ist wirklich schade. Es war der spätere Papst Johannes Paul II. Als Student lebte er im Untergrund. Sein Professor gab mir „Nachhilfe“ und er arbeitete in einem Steinbruch und niemand kam auf die Idee, dass ein junger Steinbrucharbeiter studierte. So begegnete mir in einem Jahr das Göttliche nach dem Satanischen. Umgekehrt ist mit diesem Papst der Satan in den Vatikan eingezogen (sein späterer Nachfolger).
Mein Vater hatte einen jüngeren Bruder (Heinz) der Zimmermann wurde und in der Weimarer Republik in die SPD eintrat. Das tat mein Vater auch. Sein älterer Bruder (Walter) war der Klügste, der es aber zu nichts brachte und der in die KPD eintrat. Ihn fand meine Mutter gleich nach Kriegsende. Ein Molkereiarbeiter war bekannt als früherer KPD-Mann. Ihn fragte meine Mutter und der ließ sich Walters Namen sagen und sagte, wenn er in der KPD war, finde man ihn und würde im ausrichten, wer ihn suche und wo er uns finde. Und so war es. Nach wenigen Wochen stand Onkel Walter in Lautenthal/Harz vor unserer Wohnung. Ich habe übrigens vieles von ihm „geerbt“. Wie merkwürdig.
Viele junge Leute gingen damals in die NSDAP. Sie zeigte damals noch nicht ihr wahres Gesicht. Nur wunderte sich Vater, dass er nicht befördert wurde, sondern Inspektor blieb. Er kriegte heraus, dass es daran lag, dass er vorher in der SPD war. Da las er das Beamtenrecht und fand Lücken, durch die er „schlüpfte“. Er empfahl mir, Gesetze, die mich betreffen, auch sorgfältig zu lesen, was ich auch mit Erfolg tat. Wie ich klein war, las er mir an seinem Schreibtisch sitzend einen Brief vor: Als Du mich damals hattest, sagtest Du, es sei alles in Ordnung. Aber Scheiße war es. Jetzt ist es soweit. Ich kam bis zu seinem Tod nicht darauf zurück. Vater hatte einige merkwürdige Wertvorstellungen, die er mir vermittelte. Sie sind mit dem Verhalten Adliger vergleichbar, und war mir erst verständlich, als Onkel Heinz von der Geschichte mit dem Pferdekauf des Thronfolgers bei uns erzählte und der Weigerung Großvaters, wieder in den Adel versetzt zu werden und in ein Wasserschloss umzuziehen. Ich habe manches beachtet, aber nie darüber gesprochen.
Vater wurde von Mutter darüber unterrichtet, dass unsere Anna verschwunden sei. Sie war wie jeden Tag zur Straßenbahn gegangen, aber bei uns nicht angekommen. Vater telefonierte mit der Verkehrspolizei und mit allen Krankenhäusern. Kollegen sagten ihm, er solle mal zum Arbeitsamt gehen. Er wusste nicht warum. Er ging hin und fand Anna im Flur mit einem Zettel, auf dem stand, dass sie sich freiwillig zur Arbeit im Reich gemeldet hat. Vater gab den Zettel einem Angestellten und sagte, dass diese Frau bei ihm angestellt sei und Lohn kriegt. Er nahm sie mit. So weit, so gut. Im September 1944, nach dem Attentat auf Hitler, fing die NSDAP an mit einem „Großreinemachen“. Ein polnischer Angestellter kam zu Vater gelaufen und sagte, er solle alles stehen und liegen lassen und mit dem Zug nach Breslau zur dortigen Offiziersschule der Waffen-SS fahren und sich an der Pforte mit seinem Namen melden. Er tat es. Der Offizier, zu dem er geschickt wurde, sagte zu ihm, er sei ja vor eine Woche bei ihm gewesen habe sich freiwillig als Offiziersanwärter gemeldet und drückte ihm den Gestellungsbefehl in die Hand. Die polnische Heimatarmee eine Polin als Schreibkraft bei der Gestapo und arbeitete mit der Waffen-SS zusammen. Am späten Nachmittag des gleichen Tages kamen dann auch 2 Gestapo-Leute, um ihn abzuholen. Das ging nun ja nicht. Himmler hatte der Gestapo verboten, gegen die SS vorzugehen. 2 Tage später kam ein junger Mann, er sprach nur Polnisch, zu uns in die Wohnung und machte Mutter klar, wir sollten uns umziehen und ein paar Taschen packen – keine Koffer – und unten zu einem schwarzen Auto gehen, dessen Türen nicht abgeschlossen seien. Er kam und fuhr los nach Kattowitz auf einem Schleichweg, den auch die polnische Widerstandsbewegung nutzte. In Südpolen gab es viele Leute, die neben Polnisch auch Deutsch sprachen. Ja – in Kattowitz beim Abschied sprach der junge Mann natürlich Deutsch mit uns. Vater war aus der SA ausgetreten – das war erlaubt. Aus der Partei gab es das nicht. Für die Polen war das kein Problem. Sie sahen den Menschen, nicht den PG. Vater wurde also Waffen-SS-Offiziersanwärter und kam zur Frontbewährung nach Ungarn und auf dem Rückzug nach Oberschlesien, dort von einer russischen Granate schwer verwundet, von den Amerikanern zurück zu den Russen nach Sagen in ein russisches Offizierslazarett und 1946 in den Harz. Die Eltern hatten alles gut organisiert und sie wussten immer, wo der andere war oder zu finden war. Vater knüpfte alte Beziehungen an und so kamen wir aus dem Harz nach Hannover, Bonn und Frankfurt.
In Bonn kam ich zur Leipziger Feuer. Am ersten Arbeitstag kam morgens der 2. Direktor zu mir und bot mir seine Hilfe an. An seiner Redeweise erkannte ich, dass ein Bruder der sieben Berge war und dankte ihm für sein Angebot, sagte jedoch, ich wolle mit eigener Kraft weiter kommen. In der Folge hatte ich es schwer, weil ich kein gelernter Versicherungskaufmann war, die Arbeit jedoch fehlerfrei machte. Als Ungelernter erhielt ich nicht Tarifgruppe VI, sondern TG V mit Zulage. Ich habe nie um eine Verbesserung gebeten. Als dann Vorstand und Beck beschlossen, mir Handlungsvollmacht zu geben (!), riss mir die Netzhaut. Es sollte also nicht sein. Damals habe ich erkannt, dass ich mit meinem Leben geführt werde. Da war Ute, deren kurzes Leben mir bei ihrer Geburt gesagt wurde, ich begann zu wissen, wer bald sterben werde. Vor Vaters Tod ging ich zu unserem Beerdigungsinstitut und erkundigte mich, worauf ich beim Tod eines Beamten achten muss. Und als Erich und Lilo uns hier im Samlandweg besucht hatten, und wir vom Weg aus das Auto wegfahren sahen, wir standen auf der Bank, sagte ich zu Gerda, winke Erich zu, Du wirst ihn nicht wiedersehen. Ich dachte, ich halte das bald nicht mehr durch, keinem etwas zu sagen. Es war ein neuer Pfarrer, es war unser Gastgeber in Holland etc. Dann war die unbekannte ältere Frau beim ZDF, deren Tod ich 10 Tage vorher gesagt bekam. Ja, da ist sie wieder, die Unbekannte. Es waren bisher nie Unbekannte?! Das Alter würde passen. Es kann meine Jugendliebe gewesen sein! Nachher betete ich darum, dass mir diese „Gabe“ genommen wird. Sie wurde mir genommen. Allerdings wurde mir als letztes etwas über meinen eigenen Tod gesagt. Etwas Gutes. Die Stimme kam dann nicht mehr. Die Verbindung jedoch scheint geblieben zu sein. Sie ist nur anders. Ich habe es im Institut (...) erlebt. Dort hatte sich ein Masseur sehr zu seinem Nachteil verändert. Er setzte sich mir gegenüber durch und tat mir weh, was er früher nicht getan hatte. Zum Schluss sah ich sein Gesicht und hatte keine Wut mehr auf ihn, nur Mitgefühl. Gerda glaubt es nicht. Aber evtl. bin ich ein Gerechter? Ich will nicht schreiben, was ich in dem Gesicht sah.
Mitte Januar 2010. Es ist Zeit, über mich und mein Herkommen zu schreiben. Meine Mutter sagte, dass sie einen jungen Mann geliebt hatte, der Anwalt werden wollte. Sie hat sich aber überlegt, dass er nur dann Geld hat, wenn er z. B. einen Prozess führt, und da hat sie sich für einen Beamten entschieden. Die Namen: Walter und Siegfried. Ich bin ein Kind der Liebe und habe einiges von Vater Walter. Er war der Klügste und hat es zu fast nichts gebracht – ich auch nicht. Jura brauchte ich nicht studieren, weil ich es ererbt habe. Und ein Lebenskünstler bin ich auch. Nur habe ich es nicht verkraftet! Die Eltern hatten sich damals oft gestritten – aber über ein Thema immer nur jeweils einmal, und sie waren nicht nachtragend! (Ich auch nicht.) Dies vermisse ich heute sehr. Blöde Sau, dumme Kuh, höre ich heute noch. Aber sie fügten sich in ihr Schicksal und gaben Ruhe. Das hat etwas mit Verstand zu tun. Wie die Eltern in Oberbayern waren, ist mein Vater, als er mich vom Bahnhof abholte, mit mir Essen gegangen, ehe wir uns auf den Weg machten. Ich habe es in Erinnerung behalten. Als sie starben, habe ich beiden die Hand auf die Stirn gelegt und sie gesegnet.
ebenso: Mir fiel auf, dass die Stimme im Ohr meine Stimme war. Wie kommt das? Bei Utes Geburt hörte ich, dass sie ein Engel war, der sich auf die Erde verirrt hat und nicht lange hier bleibt. Also denke ich, dass wir alle Engel sind, die, aus welchem Grund auch immer, eine Seele in einem Menschen sind. Wir sollten netter zueinander sein! Man sollte alle Waffen abschaffen!
Anf. Feb. Ich komme auf unsere adlige Herkunft zurück. Es ist nicht wichtig, sich um diese Frage zu kümmern! Wichtig ist, so zu leben! Ich erinnere mich, dass Vater (Siegfried) mir das beigebracht hat, als ich klein war. Man soll über den Dingen stehen, sich in alles hinein finden, nicht nach Geld und Gut gieren, nicht um Dank gieren, sondern helfen, wenn man kann. Er erzählte auch, dass in Ostpreußen der Herr des Hauses z. B. pflügte, wenn der Knecht krank war, und die Frau des Hauses den Küchenherd anheizte, wenn die Magd krank war, und dass dies beim Adel im Reich anders war. Da kümmerte es den Adel nicht, wie die Angestellten sich die Arbeit aufteilten. Meinen Vater hat diese Einstellung fast in den Gestapokeller gebracht!
1.3.10 Erdbeben 8,8 das 5.stärkste Beben. Erde hat sich geneigt um 8 cm stärker. Magmakammer wird aber noch explodieren?!
Mittwoch, 19.5.10
Der Tod.
Mittags legte ich mich im Schlafzimmer ins Bett und wachte auf, als ich Gerda sprechen hörte, aber nichts verstand. Ich erwachte aus einem seltsam tiefen Schlaf. In meinem Hirn war tiefe Stille, ich lag im Bett, als schwebe ich auf dem Laken, ich fühlte kein Laken und keine Zudecke. Auch an meinem Rücken und meinen Hüften war nichts zu spüren. Ich schwebte im Bett.
Jetzt kam das Bewusstsein wieder und ich begriff Zeit und Ort. Gerda hatte mich rechtzeitig beim Sterben zurückgeholt. Danke Gerda!
Ich erinnere daran, wie ich nach Mainz darum bat, nicht immer gesagt zu bekommen, dass jemand sterben wird. Darauf sagte mir mein Bruder Innerlich noch, wie es mir bei meinem Tod gehen werde. Erst werde ich mich freuen, dass Jens etwas erlebt, was ihn freut, dann will mich Jemand ehren, aber er trifft mich nicht mehr lebend an, weil ich inzwischen gestorben sein werde. Hier nun hat Gerda eingreifen müssen! Ich durfte noch nicht sterben, weil sich etwas ereignet hat, was damals (2005) noch nicht abzusehen war.
Ende
Sehet, ich lebe!
Bei meiner Geburt habe ich ein
irdisches Gewand erhalten.
Gott hat mich auf meinem armseligen
Erdenweg begleitet.
Er hat mir Kraft gegeben.
Er gab mir Trost.
Jetzt durfte ich mein Erdengewand
ablegen. Ihr nennt dies Tod!
Ich aber lebe weiter.
Denn meine Seele liegt in Gottes Hand
in Ewigkeit.
Darum trauert nicht, sondern spielt
ein fröhliches Lied!